(Der Text ist unten in PDF-Format zur Verfügung) Mit der Lissabon-Agenda wurde im Jahr 2000 das Ziel formuliert, innert 10 Jahren die EU zum wettbewerbfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Dieses Ziel wird einerseits in der Erklärung von Bologna zur Schaffung eines Euro-päischen Hochschulraums, andererseits im Berufsbildungsbereich durch den Kopenhagen-Prozess umgesetzt. In beiden Prozessen geht es darum, Durchlässigkeit, Transparenz und Mobilität im Bildungsbereich zu garantieren. Die Schweiz beteiligt sich auf Expertenebene aktiv an diesem Prozess in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Die Berufsbildung ist innerhalb der Bildungssysteme von Deutschland, Frankreich und der Schweiz von zentraler Bedeutung. In Frankreich sind des rund 30%, in Deutschland etwa 53% und in der Schweiz rund 60% der Jugendlichen, welche den berufsorientierten Bil-dungsweg wählen. Während im ausserordentlich flexiblen Berufsbildungssystem Frankreichs die schulische Bildung im Vordergrund steht, kennen Deutschland und die Schweiz das dua-le System, wonach die theoretische Ausbildung in den Berufsfachschulen durch die Praxis in den Betrieben ergänzt und vertieft wird. In der Schweiz spielen zudem auch Berufs- und Branchenverbände eine Rolle, die regelmässig überbetriebliche Kurse anbieten, so dass man hier quasi von einem „trialen“ System sprechen könnte. Bei der Berufsbildung spielt natürlich die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft – vor allem in den dualen Berufsbildungssystemen in Deutschland und der Schweiz – eine zentrale Rol-le. Würden die Berufsbildungsleistungen der Wirtschaft wegfallen, müsste die öffentliche Hand bedeutend mehr für die Berufsbildung ausgeben. Zudem garantiert dieser Beitrag der Wirtschaft auch die Wirtschafts- und Arbeitsplatznähe der Berufsbildung – ein wesentliches Qualitätsmerkmal des dualen Berufsbildungssystems. Durchlässigkeit, Transparenz und Mobilität sind – wie anlässlich der Tagung vom 17. Sep-tember mehrfach betont wurde – nicht bloss im Hochschulbereich notwendig. Auch im Be-reich der beruflichen Bildung und der anschliessenden Tätigkeit in den Fachberufen werden Kompetenzen wie Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen immer wichti-ger. Angesichts der Tatsache, dass die länderübergreifende Mobilität laufend zunimmt, ist es dringend erforderlich, auch im Berufsbildungsbereich eine „gemeinsame Währung“ für Quali-fikationen und Kompetenzen zu haben. Trotz unterschiedlicher Systeme müssen diese ver-gleichbar gemacht werden. Wandernde Handwerksgesellen und quer durch Europa vagabundierende Studenten gab es schon im Mittelalter. Die bereichernde und Horizont-erweiternde Wirkung der Mobilität war schon damals bekannt. Heute in einer globalisierten Wirtschaftswelt wird Mobilität immer mehr zu einer Notwendigkeit. Die Volkswirtschaften Europas und der ganzen Welt sind im-mer enger miteinander verknüpft – und dies betrifft letztlich alle Bildungsniveaus und Beruf-arten. Import-/Exportbeziehungen spielen in praktisch jedem Wirtschaftszweig eine wichtige Rolle. Unternehmen, auch KMUs, werden zunehmend multinational. Und transnationale Fu-sionen, Firmenübernahmen, Standortverlagerungen und Joint-ventures liegen an der Tages-ordnung. Nicht nur die Arbeitnehmer, welche auswandern, sondern auch die stationären müssen zunehmend über eine „virutelle Mobilität“ verfügen: Auch wenn sie in ihrer ange-stammten Umgebung bleiben, müssen sie zur Bewältigung ihrer Arbeitsaufgaben in der Lage sein, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu kommunizieren und trotz unter-schiedlicher Perspektiven und Wertvorstellungen auf konstruktive und sinnvolle Weise zu interagieren. Auf jeden Fall muss Nachdruck auf die Qualität der Berufsbildung gelegt werden, um die berufliche Bildung zum „Königsweg“ zu machen und auch das Ansehen von beruflichen Qua-lifikationen und Kompetenzen auf internationaler Ebene zu verbessern. Bei sinkenden Ab-gängerzahlen der obligatorischen Schulen wird sich im Verlauf der kommenden Jahre der Wettbewerb zwischen Lehrbetrieben und allgemein bildenden Vollzeitschulen um die jungen Nachwuchskräfte noch verschärfen. Also sind Qualität und Attraktivität der Berufsausbildung von entscheidener Bedeutung. In unserer Dreiländer-Region am Oberrhein hat ein Unternehmer im Bereich der grenzüber-schreitenden Berufsbildung wichtige Pionierarbeit geleistet: Dr. h.c. Georg Endress von Endress+Hauser. Seit 15 Jahren absolvieren Auszubildende der Endress+Hauser-Gruppe Praktika in Betrieben der Gruppe im Nachbarland. Auf dieser Basis ist das „Euregio-Zertifikat“ entstanden, das auch anderen Unternehmen offen steht: Seit 1997 ermöglicht das Euregio-Zertifikat Jugendlichen in der Berufsausbildung ein mindestens 4-wöchiges Prakti-kum in einem Nachbachland zu absolvieren. Ausbilder und Ausbilderinnen in Kammern, Be-trieben und Berufsschulen wird zudem in diesem Rahmen ein 3-tägiges Seminar im Nach-barland angeboten. Die Tagung vom 17. September hat Perspektiven aufgezeigt, welche über das hinausgehen, was bisher am Oberrhein realisiert werden konnte. In verschiedenen europäischen Ländern, z.B. in Deutschland oder Dänemark, ist es heute schon möglich, dass sich Auszubildende im Ausland absolvierte Langzeitpraktika, d.h. Praktika von mehr als drei Monaten Dauer, als integrierten Bestandteil ihrer beruflichen Erstausbildung anerkennen lassen können. Wieso nicht am Oberrhein? Generell muss den Auszubildenden durch grenzüberschreitende Fir-menpräsentationen und andere Informations-Massnahmen die Angst vor dem Schritt über die Grenze genommen werden. Ferner wurde gefordert, dass neben dem Lissabon- und Kopenhagen-Prozess ein „Regio-Prozess“ lanciert wird: Dieser sollte einen Bewusstseins-wandel in den Unternehmen am Oberrhein herbeiführen und diese dazu bewegen, grenz-überschreitende Praktika häufiger und mit längerer Dauer in ihren Unternehmen einzuführen. Allgemein wurde festgestellt, dass sich die insgesamt doch sehr unterschiedlichen Berufsbil-dungssysteme in den drei Ländern (duales vs. franz. System, unterschiedliche Finanzie-rungssysteme, mangelhafte gegenseitige Anerkennung, Sprachhindernisse) kaum aufeinan-der abstimmen und harmonisieren lassen. Umso wichtiger sind dafür Ansätze zur gegensei-tigen Anerkennung bzw. zur „double certification“. Schliesslich wurde auch noch vorgeschla-gen, am Beispiel des Basler Ausbildungsverbunds für Grund- und Weiterbildung für natur-wissenschaftliche, technische und kaufmännische Berufe „aprentas“ die Möglichkeiten für einen trinationalen Ausbildungsverbund zu prüfen. Dr. Eric Jakob, Geschäftsführer REGIO BASILIENSIS MV 29.10.07 |